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Auszüge aus "Apfelsinen im Hals" (Edition Suhrkamp)


SONNTAGS


Beim Beenden des Klanges der geschlagenen Glocke türmt sich der halbtaube Pfarrersohn auf und eilt

in den geheimen Hinterraum der Kanzlei. Dort zieht er sich um und verschwindet aus dem Hintereingang

Er hat sich perfekt als Stallbursche verkleidet. Er reitet zu abgelegenen Dörfern und in kleinere Städte.

Oft braucht er dafür Stunden, aber das ist es ihm wert.

Außerhalb des Glaubens fühlt er sich wohl: Staub in den Lungen, das junge Mädchengezwitscher,

die neuen Freunde, Heiden en masse. Er wildert, rauft, küsst in den Ställen.

Die Wunden die er mit sich heimträgt, sagt er, sind von den großen Glocken, die er schlagen muss;

Sonntag morgens, wenn der Tag beginnt, Sonntag abends, wenn sein Leben stirbt - Woche für Woche.


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BRING DEN HERD NACH DRAUßEN


Der Umzug fand endlich statt, die Familie war vor Aufregung aufgelöst. Die Packer schlörrten das Möbelzeugs

nach draußen. Der erste Schnee taute. Manchmal schienen die Packer unter den schweren Lasten auszurutschen,

doch immer wieder fingen sie sich. Sie waren eben Profis. Doch dann, als sie im vierten Stock zu dritt über den Herd

lachten, der als letztes Stück hinauszutragen war, staunten sie. Der Herd spürte die Gefahr und wollte sich nicht

verletzten lassen. Aus allen Öffnungen ließ er Gas ausströmen.

Die Möbelpacker rauchten, immer noch. Einer von Ihnen war Kettenraucher, er rauchte HB.

Die Zeitung schrieb dann darüber.


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DIE WEIßEN UND DIE SCHWARZEN


Clementine, das greise, doch noch immer junge Mädchen aus einer Mittelstandsfamilie, steht jeden Samstag und

Sonntag in der Nähe des Kirchplatzes. Dort beobachtet sie die äußerlich so glücklich aussehenden Hochzeitspaare.

Sie träumt sie wäre auch weiß, lebensweiß, nicht dieses krankenhaus- und totenweiß; träumt von der Feier, bei der alle

gratulieren, auch die Neider, träumt vom Blumenstrauß, von der Menge, die "Na los!" ruft, und weiß, danach würden sie

ihn sehen wollen - den Brauttanz. Und genau an dieser Stelle hört ihr Traum auf. Dann hinkt sie hinein.

Clementine ist behindert. Ein Fuß schleift, ein Bein ist stumm. Die Ärzte rätseln noch. Die meisten lächeln. Andere leiden

mit. Das sei halt so. Doch Clementine denkt - denkt nach. Dann weiß sie alles, und wie entschlossen sie ist.

Es ist wieder Sonntag. Mehrere Hochzeiten finden in der großen Kirche vor dem großen Platz statt.

Alles ist glücklich. Nur Clementine ist nicht da.

Die Polizei ist ratlos. Diese gemeinen Morde! Und dann immer Frischvermählte.

Die Stadt ist ahnungslos, die Polizei jagt vergebens und jeder intrigiert gegen jeden.

Die Beerdigungen liegen schwer auf der Stadt. Alle sind schwarz gekleidet – bis auf die Totenbraut. Und einer ist immer Witwer.

Clementine steht vor dem Friedhofstor. Sie träumt nicht mehr, sie handelt.

Die Kirchen werden gemieden, die Liebenden heiraten auswärts. Und Clementine hinkt heim.







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